Wie Gina-Lisas Videospiel ihr Image als sexualisierte Anziehpuppe etablierte

„Gina-Lisa Powershopping" beweist einmal mehr, dass die Hölle eine Umkleidekabine ist—und wie sexistisch die Öffentlichkeit mit prominenten Frauen umgeht.

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Sep. 28 2016, 7:05am

Alle Fotos: Grey Hutton

Wer mich im Kassenbereich eines Supermarkts zwischen den Wühltischen warten lässt, muss damit rechnen, dass mitunter Unerklärliches auf das Band wandern wird. Wie vergangenen Freitag, als ich mich durch eine Kiste alter Nintendo-DS-Spiele gewühlt habe und auf Gina-Lisa Powershopping gestoßen bin—ein Spiel, das mir versprach meinen Freitagabend damit zu verbringen, gemeinsam mit Gina-Lisa Lohfink auf „Event- und Einkaufstour quer durch Deutschland" zu gehen, Geld- und Imagepunkte zu sammeln und die Männerwelt zu bezaubern.

In den letzten Monaten, in denen das Model wahlweise als Symbol für oder gegen die Verschärfung des deutschen Sexualstrafrechts, als Gallionsfigur im Kampf für die Rechte von Opfern sexueller Gewalt oder als ärgste Feindin ebenjener Opfer benutzt wurde, ließ sich schnell vergessen, wie Gina-Lisa überhaupt in den Fokus der Öffentlichkeit kam: als ulkige Blondine, die nie um eine griffige Catch-Phrase („Zack die Bohne!") oder einen prollig-sympathischen Spruch verlegen war.

Natürlich habe ich das Spiel gekauft.

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Nach Gina-Lisas Auftritt bei Germany's Topmodel im Jahr 2008 kam ihre Karriere durch verschiedene Werbedeals, Fernsehauftritte und einige private Geschichten in der Boulevardpresse ins Rollen. Als sie dann im September 2009 in Form eines pixeligen Avatars auf dem Nintendo DS erschien, war das die Zeit, als sie gerade in ihrer Webserie Gina-Lisas Welt auf Männersuche ging, gemeinsam mit Johannes Heesters im Fernsehen sang und der Welt ihre Sonnenbrillenkollektion präsentierte. Alles also, was man als frischgebackenes Mitglied der deutschen C-Promi-Welt überhaupt nur tun kann, um die 15-Minuten-Castingshow-Ruhm um ein paar Jahre zu verlängern.

Ein eigenes Videospiel dürften aber trotzdem die wenigsten ihr eigen nennen. Nach ein paar Stunden mit Gina-Lisa Powershopping bin ich versucht zu sagen: zum Glück. Tatsächlich gibt es aber wahrscheinlich kein anderes Spiel, was einen so gut auf ein Leben als It-Girl vorbereitet.

Gina-Lisa Lohfink tourt mit Reeperbahncharme durch den animierten Kleinstadtflair zehn deutscher Städte und besucht dort „exklusive Abendveranstaltungen" wie Schiffstaufen, Siegerehrungen oder Autorennen. Um sich auf das Event vorzubereiten, muss man seinen Gina-Lisa-Avatar auf der Suche nach „dem perfekten Outfit" von Geschäft zu Geschäft jagen, gelegentlich einen Plausch mit seinen Fans auf der Straße halten und neidischen Zicken aus dem Weg zu gehen. Zur Belohnung gibt's dann am Ende jede Menge Imagepunkte, die in bares Geld umgetauscht werden können—eine Art Wirtschaftsgrundkurs für YouTube-Jungunternehmer also. Damit das Ganze richtig authentisch wird, wurden sämtliche Audiofiles von „Zack die Bohne!" (Überraschung!) bis hin zu Schlachtrufen wie „Jetzt geht's loohoos!" von Gina-Lisa Lohfink persönlich eingesprochen. Im Zuge des Spiels bekommt man diese Catchphrases aber so oft vorgeträllert, dass einem fast die Ohren bluten.

Alle Fotos: Grey Hutton

Als ich das erste Mal mit Gina-Lisa in der virtuellen Umkleidekabine stehe, wird schnell klar: Sie tatsächlich anzuziehen, ist gar nicht wirklich möglich—und auch eigentlich nicht Ziel des Spiels. Ein Paar Jeans und ein pinkes Korsett sind in der ersten Runde das Höchste der Gefühle. Gina-Lisa und ich entscheiden uns am Ende aber doch für die Hotpants, was mit einem begeisterten „Das is es! Zack die Bohne!" belohnt wird. An dieser Stelle wirft die wirklich sehr detailverliebte Nachempfindung von Lohfinks Kurven die Frage auf, wen die Spieleentwickler von Seven Media mit dem vermeintlichen Jungmädchenspiel eigentlich ansprechen wollten.

Am Ende jeder Runde bewertet Gina-Lisa ihre Leistung dann noch einmal persönlich. Ich habe es aber nie über ein selbstkritisches „Gut, gut. Die Veranstaltung war wirklich klasse. Aber ich hätte noch besser sein können" hinaus geschafft. Woran genau das lag, ist mir nach wie vor nicht so richtig klar. An meinem Outfit (Kopf, Körper, Beine, Schuhe) oder vielleicht doch an meinen Styling (Haare, Augen, Gesicht, Lippen)? Aus purem Protest habe ich übrigens versucht, Gina-Lisa einfach nackt zur Veranstaltung zu schicken, um der feinen Gesellschaft bei der Siegerehrung auf dem Hockenheimring einen kollektiven Herzinfarkt zu verpassen—aber das ging leider nicht.

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Nachdem ich ein paar Runden gespielt habe, beginne ich tatsächlich ein wenig Ehrgeiz für das Spiel zu entwickeln. Doch dann passiert tetwas, was ich nicht einmal für möglich gehalten hätte. „Leider endet das Spiel schon nach der fünften von zehn Städten für Dich!", teilt mir das Spiel nach meinem mittelmäßig absolvierten TV-Auftritt mit. Game Over. „Achte beim nächsten Spiel darauf, wirklich die perfekten Kleidungsstücke zu kaufen und ziehe sie auch zu der Veranstaltung an!" Ich überlege kurz, ob ich noch einmal von vorne anfangen soll (ich habe gelesen, dass man das Spiel theoretisch in 20 Minuten durchspielen kann), entscheide mich aber dann doch lieber dafür, meine virtuelle Modelkarriere vorerst an den Nagel zu hängen.

Die deutsche Gaming-Community begrüßte Gina-Lisa Powershopping wahlweise mit Desinteresse („Wer ist Gina Lisa?", ein Satz, den man im Jahr 2016 deutlich weniger häufig hören dürfte) oder Häme. M! Games hat das Spiel sogar auf Platz 1 ihrer Liste der zehn „schrecklichsten Horror-Games" gesetzt. Doch selbst kritische Stimmen findet man im Grunde nicht allzu viele. Im Großen und Ganzen scheint das Spiel mehr oder weniger sang- und klanglos untergegangen zu sein. Wer tatsächlich versucht hat, das Spiel professionell zu rezensieren, hat meist darauf hingewiesen, dass „das Spiel keinerlei Mehrwert hat" oder die Städte „sehr lieblos gestaltet" wurden. Die Kommentarspalten wurden von vielen Nutzern wie KaiserGaius derweil dazu genutzt, Anspielungen auf ihr Sex-Tape zu machen und plumpes Slutshaming zu betreiben.

Sila1979 ist die einzige Person, die ernsthaft begeistert zu sein scheint. „Ein Muss für alle Mädchen. Super schönes Spiel, einfach zu verstehen und zu spielen. Meine Tochter ist ganz begeistert. Sehr empfehlenswert. Der Versand war schnell", lautet ihr Urteil. Dass die Zielgruppe vor allem junge Mädchen sind, wird natürlich schon an der gendergenormten Verpackung deutlich. Außerdem baut das gesamte Spiel darauf auf, Schönheit und Selbstbewusstsein zu belohnen und reiht sich damit in die Tradition alter Rollenklischees ein, „die auch zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden können", wie Soziologen immer wieder anmerken.

Was mir vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Gina-Lisa Lohfink persönlich allerdings am meisten Gedanken bereitet hat, war das lüstern dreinblickende männliche Doppel, das in wechselnder Berufsbekleidung—mal als Polizisten oder als Müllmänner und dann wieder als Postboten—neben den Fans vor den virtuellen Geschäften wartet und beifällig zu stöhnen beginnt, wenn man an ihnen vorbeiläuft. Da einem das Spiel keine andere Wahl lässt, beginnt Gina-Lisa nach jedem „Mmmmh ... Aaaaahh" zu zwitschern: „Hallo Juuhungs! Ich bin's eure Gina-Lisa." Und zur Belohnung wächst wieder meine Punktezahl auf dem Imagekonto.

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Dass sich Gina-Lisa Lohfink aus der Rolle des eindimensionalen Wasserstoffblondchens emanzipiert und sich zu einer feministisch und politisch engagierten Person der Öffentlichkeit gemausert hat, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung—nicht nur aus persönlicher Sicht, sondern auch gesellschaftlich betrachtet. Wenn man Gina-Lisa Powershopping als konservierte Essenz von Gina-Lisas medial inszenierter Vergangenheit betrachtet—so ungefähr wie die in Bernstein eingeschlossene Mücke in Jurassic Park—, wird nur allzu deutlich, wie Frauen in der Öffentlichkeit immer wieder auf ein Rollenklischee reduziert werden, die sie jeglicher Menschlichkeit beraubt und ihnen nur noch zwei Möglichkeiten lässt, um mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen: gefallen oder schockieren. Im Gegensatz zu dem Spiel gehört diese Tatsache aber leider noch immer nicht komplett der Vergangenheit an.

Obwohl Gina-Lisa Powershopping eine echte Perle aus der medialen Absurditätensammlung ist und ich viel mehr geboten bekommen habe, als ich zunächst erwartet hätte, muss ich mich letzten Endes allerdings doch der Meinung des Amazon-Rezensenten anschließen, der auf die Bewertung von Sila1979 geantwortet hat: „Kaufen Sie Ihrer Tochter doch lieber ein Buch."