Schick es weiter oder dein Freund wird STERBEN: Die Geschichte der Kettenbriefe

Erst Briefe, dann fragwürdige E-Mails und mittlerweile Social-Media-Trends, an denen man sich beteiligen muss: Kettenbriefe begleiten die Menschheit seit über tausend Jahren.

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Aug. 29 2016, 5:25am

Bild: Albert Anker | Wikimedia Commons | Public Domain

Todesdrohungen, Computerviren oder Geldwäschegeschäfte—seit mehr als tausend Jahren beschwören Kettenbriefen unseren Aberglauben und das ziemlich überzeugend. Geschichtlich betrachtet haben Briefe mit Streichen, Falschmeldungen und Schneeballsystemen eine lange Tradition. Als Kind hat man sie von einem Freund in der Schule oder aus der Nachbarschaft bekommen und wenn man ihn erst einmal geöffnet hat, verwandelte sich die Tinte in metaphorischen Milzbrand oder man sah sich selbst der Bedrohung durch die Mächte der schwarzen Magie ausgesetzt.

Der Volkskundler Daniel W. Van Arsdale glaubt, dass die Inhalte solcher erzwungenen Briefwechsel schon immer die Fantasie sowie die Ängste und Schwachstellen der Leute offenbart und ausgenutzt haben. „Sie haben sich ganz von allein weiterentwickelt und haben immer irgendwelche Verheißungen gemacht und Drohung ausgesprochen", erklärt er. „Obwohl fast jeder solche Briefe hasst, wurden Milliarden von ihnen weitergegeben. Kettenbriefe sind aber auch nur dazu gemacht, sich immer weiter zu verbreiten und nicht, um irgendjemandem zu helfen."

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Ein Kettenbrief von Jesus

Tatsächlich liegt der Ursprung der Kettenbriefe in der Religion. Ostasiastische Briefe mit buddhistischen Riten enthielten sogar eine Anleitung, in der stand, wie man den Brief für die Nachwelt erhalten konnte. „Die Hauptzielgruppe solcher Briefe waren Soldaten—sogar noch bis zum Vietnamkrieg", sagt Van Ardale. Auch offizielle Behörden und öffentliche Medien waren nicht immun gegen die Faszination von Kettenbriefen. „Als die USA in den ersten Weltkrieg eintrat, dachte niemand geringerer als die New York Times, dass die Deutschen versuchen würden, ‚die Post [mit einem Kettenbrief] zu verstopfen.'"

Der älteste, bekannte Kettenbrief kommt allerdings aus dem Westen. Diese bröckelige, gelbe Schriftrolle—auch bekannt als „Himmelsbrief"—ist die Kopie eines Briefs, der zum ersten Mal 1795 erschienen ist. In dem Brief geht es um die imaginäre Brieffreundschaft zwischen Jesus und König Abgar von Edessa. Die charmante Drohung von Unbekannt richtet sich an alle Empfänger, die den Brief lieber in den Müll werfen, anstatt ihn handschriftlich zu kopieren und weiterzugeben.

Der Kettenbrief aus dem Himmel aus dem 18. Jahrhundert. Foto: Chain Letter Evolution | Wikimedia Commons | Public Domain

Der Brief markiert den Beginn der Kettenbrieffloskeln, also: „Kopiere diesen Brief und gib ihn weiter und dich erwartet Wohlstand und ein langes Leben. Wenn du es nicht tust, wirst du sehr krank, bis du schließlich ausgelöscht wirst. P.S.: Ich habe keine Adresse, also versuch gar nicht erst, mich zu finden."

Laut Van Arsdale wurden diese Briefe vor allem deswegen weiterverbreitet, weil sich die Leute Schutz von ihnen versprachen—meist im Hinblick auf irgendwelche häuslichen Sorgen. „Um sich vor Bränden zu schützen oder für die sichere Geburt eines Kindes oder eine gute Ernte ... andere versprachen, einen auf dem Schlachtfeld zu beschützen. Ein Beispiel, das schon seit der Zeit des kolonialen Amerikas im Umlauf war, war ein Brief mit einer langen Liste von Waffen, vor denen der Brief den Träger beschützen sollte." Schwangere Frauen—und ihre ungeborenen Kinder—schienen durch die Verheißungen des „Himmelsbriefes" besonders stark bedroht zu sein. Vermutlich war das die Geburtsstunde der jahrhundertealten Tradition, dass Kettenbriefe vor allem das schöne Geschlecht emotional bedrohten.

Schickt mir einen Groschen, Ladys

Gegen Ende der 1880er-Jahre waren Kettenbriefe für gewöhnlich sehr viel weltlicher. Dafür enthielten sie aber auch viele heidnische Elemente wie den Aberglauben zu der Zahl Neun. Ein ziemlich gutes Beispiel dafür sind die Glücksbriefe, an die du dich vielleicht noch aus deiner Kindheit erinnern kannst. „Dass man, sagen wir, mehrere Tage hintereinander neun Kopien des Briefes verschicken muss, kommt von einer Gebetsform namens Novene", erklärt mir mein Volkskundler. Eine Novene—von dem lateinischen Wort für „Neun"—ist eine in der katholischen Kirche übliche Gebetsform, bei der ein bestimmtes Gebet an neun aufeinanderfolgenden Tagen verrichtet wird. (Damit soll darauf angespielt werden, dass Jesus neun Monate im Mutterleib verbracht hat und dass seine Seele seinen Körper in der neunten Stunde der Kreuzigung verlassen hat).

Spendenaufrufe und Briefe, die um Geld baten oder Geld versprachen, waren normalerweise immer von Frauen unterzeichnet—vielleicht, weil Frauen nicht so gruselig sind wie Männer. Mit dem Aufkommen von Postleitzahlen wurde eine der größten, jemals da gewesenen Brieflawinen durch ein Schneeballsystem ausgelöst, das Leute dazu aufforderte einen Groschen an eine bestimmte Adresse zu schicken. Angeblich soll die Frau, die den Brief ursprünglich verfasst hat, tatsächlich wohltätige Zwecke damit verfolgt haben. Der „Groschenbrief", der in der Zeit nach der Depression in Amerika von einer unauffindbaren Frau namens ‚Jane Doe' verschickt wurde, war im Grunde nur der Anfang einer ganzen Flut von Schneeballbriefen, die in den Jahrzehnten danach in Umlauf gebracht wurden.

Der Empfänger wurde dazu aufgefordert, die erste Person von einer Liste von sechs Leuten zu streichen und ihr einen Groschen zu schicken. Auf den freien Platz am Ende der Liste, sollte man dann seinem eigenen Namen setzen und den Brief weitergeben. Als arme und verzweifelte Menschen aber die Möglichkeit erkannten, das Ganze zu beschleunigen und eine Art vorzeitige Rückkehr zu planen, wurden Namen in den Briefen übersprungen, vervielfacht und zu hunderten in Umlauf gebracht, wodurch das System irgendwann zusammenbrach.

Ein moderner Kettenbrief mit Schneeballsystem aus dem Jahr 2015. Foto: Judith E. Bell | Flickr | CC BY-SA 2.0

Mein eigener Vater schwört auf die Macht des Schneeballsystems, nachdem er Anfang der 2000er ein paar tausend Mark mit einem System gewonnen hat, das dem Groschenbrief gar nicht so unähnlich war. „Eines Tages wird es zusammenbrechen, aber es gibt immer irgendwelche Initiatoren, die denken, dass sie einen Weg gefunden hätten, das zu umgehen." Eines Tages stand mein Vater mit dem Bargeld fremder Leute da, das er natürlich pflichtbewusst zurückgegeben hat und hat geschworen, dass er sich nie wieder an so etwas beteiligen würde. „Ich habe es natürlich wieder getan. Wir haben es alle getan—ein paar Jahre später." Der Wunsch nach Geld und Gewinn gewinnt am Ende eben doch.

„Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass der Autor des Groschenbriefs den größten ‚Gedankenvirus' des 20. Jahrhunderts erschaffen hat", meint Van Arsdale. „Außer vielleicht die Person, die das Konzept der Hölle erfunden hat. Jane Doe ist aber zweifellos die Königin der Kettenbriefe. Frauennamen auf Kettenbriefen wirken wahrscheinlich auch glaubwürdiger. Um 1920 gab es außerdem auch einige Glücksbriefe, die explizit an Frauen oder an Paare geschickt werden sollten. Viele Frauen—insbesondere verheiratete—hätten keinen Brief mit einer Liste von Namen verschickt, die andeutete, dass sie ihnen von einem Mann zugeschickt worden war."

Bild: Carl Larsson | Wikimedia Commons | Public Domain

Die Glücksbringerbriefe

Glücksbriefe sind für Volkskundler am interessantesten, weil sie das soziale und technologische Umfeld beleuchten. „Die Spendenaufrufe zwischen 1888 und 1925 wurden scheinbar vor allem von Frauen verschickt. Die Glücksbriefe richteten sich hingegen an beide Geschlechter und Menschen jeder Bildungs- und Einkommensschicht", sagt Van Arsdale. „Es gab in den 1920er- und 30er-Jahren aber einige Anpassungen an die Herkunft und das Geschlecht der Empfänger, die erstaunlich clever waren. Einige dieser Änderungen entstanden durch Fehler beim Abschreiben und waren somit ein Sinnbild für die organische Weiterentwicklung der Briefe." Dabei hatten selbst einfachste Fehler das Potenzial, das magische und mystische Element seiner in die Jahre gekommenen Vorgänger wieder zurückzubringen.

In Südamerika und auf den Philippinen beispielsweise kursierte ein Fehler in einem Kettenbrief, der die kurzweilige, fragile Natur von handschriftlich vervielfältigten und persönlich weitergegeben Briefen ziemlich deutlich gemacht hat. Ursprünglich sollte der Empfänger dazu aufgefordert werden, „5 Kopien innerhalb von 24 Stunden" anzufertigen und weiterzugeben. Daraus wurden aber durch einen Fehler irgendwann „24 Kopien." Das zeigt, wie schnell sich Inhalte oder Formulierungen ändern, wenn sie von Mensch zu Mensch weitergeben werden—ähnlich wie bei Flüsterpost—und mit der Zeit zu einem eigenen, neuen Kettenbrief werden.

Die 70er-Jahre brachten uns schließlich den elektrischen Kopierer und während der 90er wurde fast jeder Haushalt mit einem Internetanschluss ausgestattet. Das führte dazu, dass der Kettenbrief innerhalb eines Jahrzehnts nahezu ausstarb und Ketten-E-Mails Platz machte. Die Regeln und Muster von Ketten-Mails änderten sich innerhalb kürzester Zeit, bis sie schließlich vollkommen verschwommen waren und letztendlich ein jähes Ende fanden. Tatsächlich wurden die Drohungen der Kettenbriefe immer lächerlicher, obszöner und schlichtweg lachhafter: Der Geist eines kopflosen kleinen Mädchens, das vor zehn Jahren starb, wird dich kriegen, wenn du diese E-Mail nicht an zehn Freunde weiterschickst oder dein Liebesleben wird verflucht sein und dein Schwarm wird STERBEN, wenn du die Mail nicht an dein komplettes Adressbuch weiterleitest. Wenn du dreizehn bist und die Sicherheit des Mädchenschwarms deiner Schule bedroht wird, was sollst du dann schon tun? Ein Mädchen muss tun, was ein Mädchen nunmal tun muss. Übrig blieben jede Menge bargeldbezogene Schwindel, die fast immer den Namen eines bekannten Milliardärs beinhalteten und scheinbar auf dem Höhepunkt des goldenen Internetzeitalters verschickt wurden—als Hotmail, AOL und Co. uns alle aus unseren winzigen Socken gehauen haben. Doch es ist noch längst nicht vorbei. Diesen Post habe ich erst vor Kurzem auf Facebook gesehen:

Screenshot: Autor | Facebook

Sozialer Slacktivismus und Online-Kettenbriefe

Man könnte meinen, dass der Kettenbrief seine Glanzzeiten mit der Erfindung der E-Mail erreicht hat, aber man muss nur mal einen kurzen Blick auf seine Facebook-Startseite werfen und wird sehen, dass noch immer fleißig Kettennachrichten kopiert und verbreitet werden—nur dass wir keine Angst mehr davor haben, dass uns ein Sensenmann verfolgt, wenn wir die Nachricht nicht weiterschicken. Stattdessen fürchten wir uns mehr um unseren sozialen Status und immer öfter stellen wir uns die Frage: „Sieht es aus, als wäre es mir egal, wenn ich bei gewissen ‚Sharing'-Trends nicht mitmache?"

„Menschen demonstrieren ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bewegung oder Situation, weil sie zeigen wollen, dass sie Teil einer Gruppe sind, deren Ideologie sie unterstützen—sowohl online als auch offline. Das wiederum polarisiert und zwingt ihre Umgebung dazu, das Ganze entweder anzunehmen oder die Gruppe zu verlassen. Das ist ein klassisches Rudelverhalten, das tief in uns verwurzelt ist", sagt die Sozialwissenschaftsprofessorin Lydia Wright. Diese Phänomen kann anhand unserer Online-Aktivitäten und unserem Engagement im Netz, wo die Hemmungen und Hürden extrem niedrig sind, beobachtet werden. „Man muss nur mal den Begriff ‚Slacktivismus' googeln und sieht sofort, wie viel Literatur es zum Thema ‚leere politische Gesten im Netz' gibt. Psychologisch betrachtet, erfüllt das ein ganz grundsätzliches Bedürfnis—praktisch gesehen, scheint es aber einen Trennschalter zwischen unserem Leben online und offline zu geben."

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Infolge der Terroranschläge von Paris beispielsweise haben Leute auf der ganzen Welt angefangen, ihr Facebook-Profilbild in die Farben der französischen Nationalflagge zu tauchen. Die Meinungen zu diesem Trend waren zwar gespalten, trotzdem ist diese Aktion ein sehr gutes Beispiel für die moderne Version eines Kettenbriefs: Das Ganze ist emotional manipulativ und drückt all die Knöpfe, mit denen unser soziales Gewissen angesprochen wird. Abgesehen davon hat Facebook ohne jeden Zweifel davon profitiert, dass die Aktion ein solcher viraler Erfolg geworden ist. Wright meint hierzu nur: „Ich würde alles ankreiden, wo Leute involviert sein wollen, sich aber die Hände nicht schmutzig machen wollen. Sie machen es sich leicht und nehmen es als Chance, ihre Führungsposition geltend zu machen, gehen aber nicht soweit, dass sie tatsächlich irgendwelche Risiken dafür eingehen würden."

Interessanterweise haben viele Leute, die zuerst mitgemacht haben, die Sharing-Aktion von Facebook irgendwann wieder rückgängig gemacht. Schlussendlich ist es deine Entscheidung, ob du Teil eines Kettenbriefs sein willst oder nicht. Das war schon immer so und wird auch immer so sein. Wright meint hierzu nur: „Wenn man ein gesellschaftliches Zeichen setzen möchte gilt das Gleiche wie bei der kapitalistischen Vermögensbildung: Je geringer das Risiko, desto geringer der Gewinn."


Bild: Albert Anker | Wikimedia Commons | Public Domain