In Thailand kämpfen buddhistische Nonnen für mehr Gleichberechtigung

Buddha sagte, dass alle Menschen gleich sind—dennoch sehen das längst nicht alle Buddhisten so. In Thailand müssen buddhistische Nonnen gegen den Widerstand von Regierung, Bevölkerung und konservativer Geistlicher nach wie vor um Anerkennung kämpfen.

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Mai 23 2016, 9:07am

All photos by Charlotte England

Die ehrwürdige Dhammananda ist eine der dienstältesten buddhistischen Nonnen im Kloster von Songdhammakalyani in Nakhon Pathom in Thailand. Sie lacht. Ihr Schützling, die ehrwürdige Dhammavanna, eine 39-jährige ehemalige Journalistin, hat ihr soeben erzählt, dass sie mitbekommen hat, wie ein paar Leute missbilligend darüber getuschelt haben, dass sie eine Frau und ein Mönch ist.

„In meinem Fall ist es anders", sagt Dhammananda. Eigentlich wurde sie als Chatsumarn Kabilsingh geboren, änderte ihren Namen jedoch als sie 2003 dem Orden beitrat. Die 72-jährige trägt dieselben safrangelben oder burgunderroten Roben wie die Mönche und hat sich ebenfalls den Kopf rasiert. Sie sagt, dass die Leute mittlerweile kaum noch merken, dass sie eine Frau ist, was häufig zu komischen Missverständnissen führt. „Vor allem, wenn ich zur Toilette gehe, gibt es immer wieder Leute, die zu mir kommen und sagen: ‚Kommen Sie, kommen Sie, ehrwürdiger Vater, hier entlang.'"

Songhammakalyani war das erste Zentrum für buddhistische Nonnen in ganz Thailand und auch bis heute gibt es in den 76 Provinzen des Landes nicht mehr als 20 Nonnenorden. Insgesamt leben in den Klöstern rund 100 buddhistische Nonnen. Mönche gibt es indes rund 300.000 in ganz Thailand.

In den buddhistischen Schriften werden die Nonnen Bhikkhuni genannt, von den konservativen buddhistischen Geistlichen Thailands werden sie jedoch nicht offiziell anerkannt. Nachdem der Buddhismus die offizielle Staatsreligion in Thailand ist, sind die beiden Institutionen auch entsprechend eng miteinander verwoben, wodurch der Glaube immensen Einfluss in dem Land hat. Auf Geheiß der Mönche hin, wurden die Nonnenorden von den thailändischen Behörden verboten, was zur Folge hatte, dass die Nonnen ins Ausland abwanderten und sich Orden in Sri Lanka anschlossen, wo sie ihren Glauben seit 1998 per Gesetz legal ausüben dürfen. Dhammananda war damals, im Jahr 2003, eine der ersten.

Nach ihrer Rückkehr nach Thailand wurden den Bhikkunis Leistungen und finanzielle Mittel verweigert, die den Mönchen eigentlich zustehen. Zudem haben die Nonnen häufig mit Feindseligkeit von Seiten der Bevölkerung zu kämpfen.

„Sie [der Staat, die Geistlichen und die konservative buddhistische Gesellschaft] haben Schwierigkeiten damit, dem ein Ende zu setzen, weil es sich wie ein Lauffeuer verbreitet hat", erklärt Dhammananda. „Wir [die Frauen von Songhammakalyani] gehören zu den ersten, aber wir sind auch nur zu siebzehnt. Andere haben von meinem Weg zum Ordensbeitritt gehört und gehen nun selbst nach Sri Lanka."

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Doch während es immer mehr Frauen in Thailand gibt, die den Orden beitreten wollen, scheint auch der Gegenwind stärker zu werden.

Im letzten Monat wurde ein Schlafsaal in einem internationalen Meditationszentrum für Frauen in Rayong, einer kleinen Küstenstadt südlich der Hauptstadt Bangkok, von Brandstiftern angezündet, die laut der beiden Bhikkhuni, die dort leben, schon immer Gegner des Zentrums waren.

Dhammavanna, eine ehemalige Journalistin, nimmt ein Geschenk von einem Mann aus der örtlichen Gemeinde an.

Eine der beiden Frauen, Bhikkhuni Dr. Lee, sagte gegenüber der Bangkok Post, dass bereits vor dem Vorfall eine Gruppe betrunkener Männer lautstark verkündet hatte, dass sie das Zentrum niederbrennen würden, weil sie es gewagt hatten, Frauen in den Orden aufzunehmen. Es soll auch Morddrohungen gegeben haben und einen Zwischenfall, bei dem einige bewaffnete Männer auf das Grundstück eingebrochen sind und Teile der Videoüberwachungsanlage zerstört haben.

Laut Dhammananda gab es im Kloster von Songdhammakalyani noch keine vergleichbaren Vorfälle. Sie glaubt, dass es in Rayong auch um „persönliche" Gründe geht: Das Zentrum ist relativ neu und eine der beiden Nonnen, Bhikkhuni Dr. Lee, ist Amerikanerin, was die Einstellung der Anwohner ebenfalls beeinflusst.

„Wir haben keine Schwierigkeiten mit der Bevölkerung vor Ort", sagt Dhammananda und schätzt, dass rund 50 Prozent der Leute sie unterstützen. „Dafür haben wir Probleme mit der Regierung."

Die lokale Bevölkerung zollt den buddhistischen Nonnen Respekt.

Die thailändische Regierung hat Nonnen aus Sri Lanka, die sich den Orden des Landes anschließen wollte, angeblich wiederholt das Visum verweigert und ihnen damit gedroht, sie einzusperren, weil sie sich als Mönche ausgeben—was in Thailand nach wie vor ein zivilrechtliches Vergehen darstellt. Zwar ist Religionsfreiheit in der Verfassung verankert, dies könnte in Kürze allerdings widerrufen werden, wenn ein entsprechender Gesetzesentwurf verabschiedet wird. Hierdurch würde sich vermutlich auch die Situation für die Bhikkhuni in Thailand verschlechtern.

Die Nonnen von Songdhammakalyani haben ihre eigene Strategie im Umgang mit Leuten, die sie nicht unterstützen: Sie gehen ihnen so gut es geht aus dem Weg. „Wir belasten uns selbst nicht mit ihrer Ignoranz", sagt Dhammananda. „Wenn wir uns bei jedem Schritt fragen müssen, ob wir die volle Zustimmung haben, dann könnten wir überhaupt nichts machen." Sie sagt weiter: „Als Akademikerin prüfe ich immer, was in den Texten steht und gehe so sicher, dass wir auf dem rechten Weg sind."

Dhammananda erklärt, dass Buddha die Orden buddhistischer Nonnen vor tausenden von Jahren geprüft hat und sie als „mehr oder weniger" gleichberechtigte Institutionen in die buddhistischen Schriften aufgenommen hat.

Dhammananda ist die dienstälteste Nonne im Kloster von Songdhammakalyani.

Auch im Kloster von Dhammacetana habe ich eine Frau gefragt, warum die Gesellschaft in Thailand vergessen zu haben scheint, dass auch Frauen Mönche sein können und warum ihre Rückkehr so kontrovers war. „Die Welt wird nach wie vor von Männern regiert. Auf der ganzen Welt", sagt sie, als wäre es ganz offensichtlich. „Bevor es die Lehren Buddhas gab, waren Frauen weniger wert als Tiere. Buddha sagte, dass wir alle gleich sind. Doch danach ist all das weitestgehend in Vergessenheit geraten."

Der institutionelle Sexismus hält die Frauen zwar nicht davon ab, Nonnen zu werden, beeinflusst jedoch einige Bevölkerungsschichten mehr als andere. Dhammananda erzählt mir, dass zwei Drittel der Frauen, die zuletzt zu ihnen gekommen sind, um Bhikkhuni zu werden, mindestens einen Hochschulabschluss hatten. In ganz Thailand hat weniger als ein Drittel der Bevölkerung einen Hochschulabschluss.

Dhammananda glaubt, dass das daran liegen könnte, dass privilegierte, gebildete Frauen mehr Zeit haben, um sich im Internet zu informieren und mit anderen gebildeten Menschen zu sprechen, die wissen, dass es Bhikkhuni gibt. Ärmere, weniger gebildete Frauen wissen meist einfach nichts von den Nonnen und wenn sie Mönche fragen, ob es möglich ist, als Frau einem Orden beizutreten, werden sie häufig abgeschreckt.

Die ständig steigende Zahl an Bhikkhuni und die Geduld, mit der sie die Bevölkerung aufklären, könnte ihnen allerdings dabei helfen, immer weiter Fuß zu fassen. Damit könnten die Nonnen nicht nur einen mächtigen Appel an die Gleichberechtigung richten, sondern auch Veränderungen in einem Land herbeiführen, in dem Mönche wegen Kindesmissbrauch und der Aufstachelung zu rassistischen Gewalttaten angezeigt werden.

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Die buddhistischen Nonnen—von denen die meisten ein Leben oder einen Beruf außerhalb des Klosters hatten, bevor sie dem Orden beigetreten sind—leisten auch einen unerlässlichen Dienst für Frauen. Sie kümmern sich nicht nur um die kranken, sondern helfen den Frauen auch bei Problemen, über die sie mit den Mönchen nicht sprechen könnten. Dhammananda zeigt auf eine Frau, die im Gegensatz zu den anderen, keine safrangelbe oder burgunderrote Mönchsrobe trägt.

„Sie hat Brustkrebs", erzählt Dhammananda und erklärt mir, dass die Frau zwischen den Chemotherapiesitzungen im Kloster bleibt, weil sie zuhause niemanden hat, der sich um sie kümmert. „Das ist wirklich traurig", sagt sie, bevor sie unerwartet anfängt zu lächeln. „Aber ich habe ihr gesagt, sie bräuchte sich keine Sorgen machen. Wenn man erstmal in unserem Alter ist, wozu braucht man seine Brüste dann überhaupt noch?" Ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie schwierig es wäre, die Vor- und Nachteile einer Brustamputation mit einem ehrwürdigen Vater zu besprechen.

„Unser Ziel ist es", sagt Dhammananda zum Abschluss, „den Frauen einen Ort zu bieten, wo sie hinkommen können, um zu beten und sich zuhause zu fühlen."